Rezension

Manfred Miess erzählt seine bisherige Lebensgeschichte. Es ist keine gewöhnliche. Seine Mutter ist gerade 15 Jahre alt, als sie ihn auf die Welt bringt. Er ist kein Wunschkind. Vom Vater keine Spur. Der Junge wächst zunächst bei den Großeltern auf. Er ist sehbehindert. Im Alter von fünf Jahren kommt er gegen seinen Willen zur Mutter. Da diese bei seiner Ankunft nicht zuhause ist, steht er allein vor der verschlossenen Haustür – stundenlang.

Rund 15 Jahre lebt er dann bei seiner Mutter. Zuneigung gibt es nicht. Die notwendige Augenoperation wird zum Trauma. Er kommt in die Sehbehindertenschule, dann mit „eventueller Geistesbehinderung“ in die Blindenschule. Damit gehen Schul- und Ausbildungschancen verloren. Schubweise stellen sich Depressionen ein. Mehrere Jahre findet er in einer Blindenwerkstatt Arbeit. Anschließend ist er über zehn Jahre in einer Taxizentrale tätig. In dieser Zeit heiratet er, aber die Ehe scheitert. Das Computerzeitalter beendet auch seine Arbeit in der Taxizentrale. Mehrere Versuche, sich parallel zur Arbeit in der Taxizentrale und danach als Vermittler, Vertreter oder Dienstleister selbständig zu machen, scheitern. Er versinkt in tiefe Depressionen, die Hilfe von außen nötig machen. Das Schreiben seiner Lebensgeschichte und die Liebe und das Verständnis einer Frau, die er Weihnachten 2011 im Gottesdienst kennen lernt, lassen ihn nun in eine bessere Zukunft blicken.

Manfred Miess erzählt in diesem Buch seine bisherige Lebensgeschichte. Es ist wahrlich keine gewöhnliche. Seine Zeilen haben über weite Strecken Abrechnungscharakter, vor allem mit der Mutter, aber auch mit vielen anderen. Doch er  nennt auch jene, denen er manches auf seinem schwierigen Lebensweg zu verdanken hat.

Der Autor hat, das macht das Buch deutlich, Talente: Er verfügt über eine gute Beobachtungsgabe, er hat ein gutes Gedächtnis, und er ist rede- und schreibgewandt. Ohne Schulabschluss und sehbehindert hat er die Geschichte seines bisherigen Lebens in einer den Leser beeindruckenden Weise niedergeschrieben. Seine Lebensgeschichte macht deutlich, wie wertvoll eine intakte Familie ist; der Sozialstaat kann materiell helfen, die Geborgenheit und die Liebe einer Familie ersetzt er nicht. Das Buch zeigt aber auch, dass es sich für Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen, immer lohnt, zu kämpfen. Weil auch für sie die Zukunft offen ist. Und so kann die ungewöhnliche Lebensgeschichte von Manfred Miess Hilfe und Ansporn für andere Menschen mit vergleichbarem Schicksal sein.

Dr. Walter Egeler
15.10.2012