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Begleitung durch den Alltag

Jan 07 2013
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Der sehbehinderte Manfred Miess baut einen Hilfsservice auf und hat seine Autobiografie geschrieben
Einen besonderen Service für hilfsbedürftige Menschen im Nordend will Manfred Miess mit seiner Lebensgefährtin Helma Brunck anbieten. Der 49-Jährige ist seit seiner Geburt sehbehindert und hat oft jene Hilfe entbehren müssen, die er nun anderen offeriert.
Von Jürgen Walburg
Nordend. Es ist das jüngste und positive Kapitel in der an Leidensgeschichten so reichen Biografie von Manfred Miess. Und es hat ein wenig mit einem Weihnachtsmärchen zu tun. Es war am 1. Feiertag 2011 in der evangelischen Gethsemane-Gemeinde im Nordend: Beim Abendmahl haben sich Miess und Helma Brunck (60) erstmals gesehen – ein Glücksfall. Bald wurden sie ein Paar. Die Geschichte der beiden begann aber kurioserweise nicht erst vor einem Jahr, sondern bereits 1994. Damals arbeitete Miess in einer Taxizentrale und hatte mehrmals mit Helma Brunck als Kundin am Telefon zu tun. 17 Jahre später hat das Schicksal die beiden dann tatsächlich zusammen geführt.
Motiv: Anderen helfen
Das Paar will hilfsbedürftige Nordendler im Alltag unterstützen – das reicht von der Begleitung bei Einkäufen, Arztbesuchen, Behörden- und Spaziergängen bis hin zu gemeinsamen Café- oder Gaststätten-Besuchen. Miess will wegen seiner Sehbehinderung vorrangig den Telefonservice leisten, seine Lebensgefährtin – als promovierte Historikerin freiberuflich tätig – die Begleitgänge übernehmen. Das Honorar soll etwa 15 Euro pro Stunde betragen. Die Termine und Preise sind unter Telefon 0 69-37 30 95 92 zu vereinbaren.
Das Motiv, anderen zu helfen, entstand vermutlich in Miess’ Kindheit. In seiner Autobiografie liefert er auf fast 300 Seiten ein erschütterndes Beispiel dafür, wie lieblos Menschen andere Menschen behandeln können, wie sogar eine Mutter ihren Sohn schamlos ausnutzt. "Meine Mutter, das Trauma und ich" heißt das Buch, das Miess im Selbstverlag herausgibt. Der Verkaufserlös soll in seinen neuen Service fließen.
Die Mutter schob ihn ab
Die Autobiografie soll Mahnung und Mutmacher zugleich sein – und ein Ratgeber für depressive Menschen. Miess schildert, wie er als Kind von der Mutter zu den Großeltern abgeschoben wurde und diese ihn wiederum als Fünfjährigen vor der Tür der Mutter in Frankfurt aussetzten. Als er 1963 das Licht der Welt erblickte, war seine Mutter 15 Jahre alt. Wer sein Vater ist, weiß er bis heute nicht.
"Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen." Das Goethe-Zitat hat Miess seiner Biografie vorangestellt. Im diesem April wird er 50 Jahre alt. Er sieht wieder eine Perspektive in seinem Leben. Und findet Menschen an seiner Seite, die an ihn glauben. Auch das war eher selten in seinem Leben.
Mit seiner Autobiografie will Miess auch zeigen, "dass es nie zu spät ist, dass es immer einen Ausweg gibt". Vor allem will er deutlich machen, wie sehr Kinder auf ihre Eltern angewiesen sind. Er beschreibt, wie er es aus eigner Kraft geschafft hat, immer wieder aufzustehen, immer wieder seinen Weg zu gehen, immer wieder neuen Mut zu finden. Heute geht es dem 49-Jährigen nach vielen Jahren der Depressionen, Arbeits- und Ausweglosigkeit so gut wie schon lange nicht mehr. Das hat er neben Helma Brunck auch anderen Menschen zu verdanken, die ihn schätzen. Er will seine neu gewonnene Energie gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin in die Tat umsetzen und zunächst erst einmal im Nordend den Begleitservice anbieten, später vielleicht auch in anderen Stadtteilen.
Plädoyer für Geborgenheit
"Mir wäre es auch lieber gewesen, in einem Elternhaus zu leben, in dem ich Anstand, Achtung, Vertrauen und Geborgenheit gefunden hätte", sagt Manfred Miess. Seine Erinnerungen habe er aufgeschrieben, um zu zeigen, dass er nie aufgab, immer wieder neue Wege fand und sich trotz aller Widrigkeiten weiterentwickelte. "Ich möchte allen Menschen Mut machen, die in einer ähnlichen Situation sind", sagt der Sehbehinderte.
Von jedem verkauften Buch spendet er einen Euro für Kinderhilfsprojekte. Im vergangenen Jahr hat er 60 Euro an den Ambulanten Kinderhospizdienst Frankfurt überwiesen. Er hofft, dass er noch viel Geld überweisen kann.

Quelle: Frankfurter Neue Presse vom 4.1.2013

Zuletzt geändert am: Jan 09 2013 um 7:54 PM

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