So sieht ihn seine Psychologin

An Manfred Miess!

Ich lernte Herrn Miess im Jahr 2006 kennen. Er rief sehr verzweifelt bei mir an und bat um einen Therapieplatz, da es ihm sehr schlecht gehe. Ich entschloss mich, ihm trotz größerer Wartezeiten direkt ein Erstgespräch anzubieten. Mein Gefühl war, dass er den Therapieplatz dringend benötigt. Im Erstgespräch erzählte er mir von einem anderen therapeutischen Gespräch, bei dem er weinend vor dem Therapeuten saß und er ihn zu einem Klinikaufenthalt bewegen wollte. Wir begannen also direkt mit der Therapie. Mein Eindruck war, dass wir von Beginn an gut miteinander ausgekommen sind. Herr Miess war von Anfang an gut in der Lage, über sich und seine Gefühle zu reden. Zunächst wirkte er noch psychisch sehr instabil, so dass ich die Hauptaufgabe in der Stabilisierung sah. Dies empfand ich als gar nicht so schwer, da es schon einen großen Effekt hatte, ihm einfach nur offen zuzuhören und auch zu bestätigen, dass das Erlebte schwere Traumatisierungen zur Folge hat. Ich empfand das Einlassen auf seine Person, auf seine Gefühle und auf seine Vergangenheit schon als sehr heilsam für ihn. Ein weiterer wichtiger Punkt war auch das Arbeiten an den Kognitionen. Wir lachen häufiger darüber, dass es wichtig ist, auch „einen Plan B in der Tasche zu haben“. Das hat ihm sehr geholfen, den Tunnelblick der Depression zu erweitern.
Es war natürlich eine längere Arbeit, die aber immer von gegenseitigem Respekt und einer großen Offenheit geprägt war. In den letzten 6 Jahren hat Herr Miess eine für seine Lebensgeschichte erstaunliche emotionale Entwicklung machen können. Er hat sehr hart an sich gearbeitet und konnte eine Reife und Selbstreflektion erlangen, die für seine harte Lebensgeschichte eher untypisch ist. Er kann sehr selbstreflektiert über sich, sein Leben und seine Beziehungen nachdenken. Er verbessert seine zwischenmenschlichen Beziehungen permanent und ist in der Lage, auch die eigenen Schwächen zuzulassen. Dies finde ich für die Konfliktverarbeitung ungeheuer wichtig.
Er weiß inzwischen aber auch, dass es Beziehungen gibt, in denen man einfach nicht das bekommt, was man eigentlich verdient hat. Sich dieser Verletzung zu stellen und seine Konsequenzen zu ziehen ist für die persönliche Reifung ein wichtiger Punkt. Die schwierige Verarbeitung der Beziehung zur Mutter dauert bis heute an und wird ihn wohl auch lebenslang begleiten. Der Kontaktabbruch zur Mutter ist ein wichtiger Baustein hin zur eigenen Identität. Diese Identität wurde von der Mutter weder gesehen, geschweige denn jemals gefördert. Herr Miess weiß, dass dies aus den eigenen Schwächen der Mutter resultiert. Diese Erkenntnis hilft ihm aber nicht weiter, wenn seine Person weiterhin nicht gesehen werden kann. Der Kontaktabbruch wurde deshalb zwingend notwendig.
Herr Miess konnte auch in den letzten 6 Jahren sein Schreibtalent kultivieren, was leider ebenfalls weder gesehen, noch gefördert wurde. Ich bin stolz auf seine persönliche Entwicklung und finde es eher ungewöhnlich, dass sich jemand aus eigener Kraft so vielfältig entwickelt. Das heißt nicht, dass Herr Miess nicht weiterhin auch zeitweise mit Panikattacken und auch depressiven Episoden zu kämpfen hätte. Ich denke aber, dass er einen Weg gefunden hat, immer wieder herauszukommen und weniger unter diesen Folgen seiner Kindheit zu leiden. Das Schreiben des Buches hat ihm dabei enorm geholfen. Ich wünsche ihm weiterhin alles Gute und viel Erfolg bei der Veröffentlichung des Buches.

Ihre D. Kellermann