Abschied von Seulberg und Ankunft in einer sehr ungewissen Zukunft

Auf der Fahrt über die A5 saß ich still und sehr traurig da und weinte leise über das, was ich gerade verloren hatte. Es war ein Zuhause, wie ich es so schnell nicht wieder finden sollte. Hierbei saß ich auf der linken Seite hinter meinem Opa, der uns fuhr. Als wir nach etwa 15 bis 20 Minuten in Frankfurt angekommen waren, stieg er aus und klingelte bei Eleonore und Fritz. Da dort keiner die Tür öffnete, sah es kurz danach so aus, als hätte ich wieder mit den Großeltern zurückfahren können. Meine Oma rief schon ganz erfreut: „Manni, da ist keiner! Da nehmen wir dich wieder mit nach Seulberg!“ Doch sollte diese Annahme nur wenige Sekunden dauern, denn als Opa zurückkam, riss er die Beifahrertür auf und forderte Oma auf, das Auto zu verlassen, damit ich aussteigen konnte. Nun musste sie als seine Frau mit ansehen, wie ernst es ihm damit wirklich war, mich endlich in Frankfurt seiner Tochter zu überlassen. Nachdem sie ausgestiegen war, musste ich weinend unseren Wagen verlassen. Obwohl ihm meine Oma noch einmal sagte, dass er das so nicht machen könne, blieb er unerbittlich und stellte mich ganz einfach bei Eleonore und Fritz vor die Haustür. Bei alledem, was er tat, ließ er nicht den geringsten Zweifel an der Tatsache aufkommen, dass er mich nicht mehr in Seulberg haben wollte. Kurz nach meinem Ausstieg erklärte er mir noch, dass ich hier auf meine Eltern warten solle und mit keinem Fremden mitgehen darf. Danach verabschiedete er sich von mir mit einem kurzen Händedruck. Meine Oma kam noch einmal zu mir, nahm mich kurz in den Arm und verabschiedete sich weinend von mir. Danach fuhren meine Großeltern wieder nach Hause zurück.
Mit meiner gepackten Tasche wartete ich an demselben Tag in der Hufnagelstraße in Frankfurt, in die mein damals bei der Bundesbahn tätiger Stiefvater Fritz mit seiner Frau Anfang April gezogen war. Ohne dass ich wirklich wusste, wie es für mich weitergehen sollte, stand ich als kleiner Fünfjähriger, der gerade von seinem eigenen Großvater wie ein Hund ausgesetzt worden war, ängstlich da. Lange Zeit stand ich wie angewurzelt herum, ehe ich ein paar Schritte auf- und abgehen konnte. Ein sonniger Tag und dann so etwas! Je länger es dauerte, desto unruhiger wurde ich. Immerhin stand ich seit 13.00 Uhr herum, und dann sprachen mich auch noch die ersten Passanten an, wodurch ich noch ängstlicher wurde. Schließlich waren das alles fremde Menschen für mich. Ab und zu hörte ich eine Unterhaltung an einem gegenüberliegenden Kiosk. Nach wie vor wusste ich nicht, wohin mit meiner Angst. Die ganze Ungewissheit war für mich vor allem deshalb so schlimm, weil ich mich immer wieder fragte, wer für mich der Richtige sei, mit dem ich mitgehen konnte, und wer nicht. Schließlich konnte ich auf Grund meiner Sehbehinderung ja nicht genau erkennen, wer hier nun meine Eltern waren. Als Fritz meinen Namen rief, waren über drei Stunden vergangen, in denen ich als Fünfjähriger allein in einer Großstadt herumgestanden habe. Fritz nahm mich mit in die Wohnung und hatte zuerst einmal nichts Wichtigeres zu tun, als das Radio einzuschalten, da gerade die zweite Halbzeit in der Fußball-Bundesliga begann. Er bot mir etwas zu trinken an und meinte, dass meine Mutter gleich nach Hause kommen werde. In Wirklichkeit wartete ich noch zwei Stunden, ehe ich sie nach langer Zeit einmal wiedersah.